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Fahrbericht – Die Corvette Stingray im Test

Die Neuauflage des Kultsportwagens Corvette trägt wieder den Beinamen Stingray. Stingray bedeutet übersetzt Stechrochen. Unsere Redakteure John Mahlmann und Nicklas Westphal durften sich die neueste Generation des Stechrochens bei schönstem Wetter in der Hansestadt vornehmen und auf Herz und Nieren prüfen.

Exterieur und Design

Die neue Corvette Stingray blickt uns böse aus ihren zusammengekniffenen Scheinwerfern an. Sie strahlt eine Aggressivität aus, greift aber dennoch Themen des Stingray aus den 70er-Jahren auf, als der legendäre US-Designer Bill Mitchell die General-Motors-Formen bestimmte. So assen das spitz zulaufende Heckfenster oder die Coke-Bottle-Hüfte Parallelen zwischen der New- und Old School Ausführung erkennen. Aber sonst ist alles anders. Wir setzen uns hinein und blicken auf eine Umgebung, die es in dieser Qualität noch nie gab bei einer Corvette.

Interieur

Der Innenraum der neuen Corvette ist mit exakten Passungen, Leder und schönen Oberflächen wirklich sehr hoch qualitativ gestaltet. Wo früher billiger Kunststoff war, ist heute sauber vernähtes Leder, attraktive Carbon-Oberflächen. Der alt bekannte Spruch, den man oft über US-Autos wie die Corvette sagte, „Von außen hui, von innen pfui“, trifft auf diese Neuauflage nicht mehr zu. Die Corvette präsentiert sich zum ersten Mal auch von innen von ihrer Sahne-Seite und kann alte Vorurteile ablegen. Trotzdem blieb Bewährtes erhalten. Etwa das großzügige Raumangebot und der für einen zweisitzigen Sportwagen riesige Kofferraum. Die Sitze lassen sich elektrisch auf jede Figur einstellen, das Cockpit zeigt die strenge Zweiteilung, die seit Jahrzehnten als Corvette-Merkmal gilt. Das Armaturenbrett ist sehr modern gestaltet mit moderner Bildschirmtechnik, auf dem sich verschiedene Darstellungen des Drehzahlmessers abrufen lassen: Ganz klassisch oder Racer-mäßig mit integrierter Blinkleiste zur Anzeige des Schaltzeitpunkts.

Leistung und Technik

Früher konnten sich Corvette-Käufer je nach gewählten Ausstattungs-Extras ihren Amerikaner als gemütlichen Cruiser oder als fauchendes Kraftpaket gestalten. Die moderne Elektronik sorgt dafür, dass heute alles in nur einem Auto möglich ist. Ein paar Klicks im Konfigurationsmenü genügen. Der Modus „Tour“ zähmt den muskulösen Stechrochen und macht ihn zum komfortabel federnden Reisesportwagen. „Weather“ dämpft die Reaktionen für Schnee und Eis. „Sport“ empfiehlt sich für Kenner, die gerne die Grenzen austesten. Und „Track“ ist für die Rennfahrer der Straße, die auf ESP gänzlich verzichten möchten. Im „Eco“ Modus schaltet die Corvette zwischendurch mal vier ihrer acht Zylinder ab. Um den satten V8-Sound nicht zu gefährden hat man sich in der Entwicklungsabteilung bei Corvette da lange Zeit nicht ran getraut. Aber die Zylinderabschaltung greift ohnehin nur beim gemütlichen Rollen, und dabei läuft der Motor so leise, dass der Unterschied zwischen vier und acht Zylindern kaum zu hören ist. Der verwendete Smallblock-V8 ist mit seiner Direkteinspritzung ein durchaus moderner Motor, auch wenn seine technischen Merkmale, nur eine Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, nicht gerade Hightech sind. Aber die Corvette-Maschine ist dafür der kompakteste und leichteste Achtzylinder seiner Leistungsklasse, mit vergleichsweise wenig beweglichen Teilen, was wegen reduzierter innerer Reibung wiederum den Verbrauch zügelt. Ein neu entwickeltes Siebenganggetriebe ist in unserem Testfahrzeug an Bord, alternativ ist die Corvette auch mit einer Sechsstufenautomatik zu haben. Auf ein Doppelkupplungsgetriebe verzichtet das Entwicklerteam, weil echte amerikanische Sportwagenmänner nach wie vor gern kuppeln und schalten.

Das neue Getriebe verfügt über eine automatische Zwischengas-Funktion. Beim Zurückschalten wird vor dem Einlegen des niedrigeren Gangs ein exakt dosierter Gasstoß gegeben. Dies hört sich nicht nur gut an, sondern vermeidet auch ein störendes Bremsmoment an den Antriebsrädern und verbessert auf diese Weise die Stabilität des ganzen Fahrzeugs. Nicht nur bei der Optik, sondern auch in Sachen Fahreigenschaften hat die Corvette durch die Neuauflage ein deutliches Plus erhalten. Die tragende Struktur unter der Kunststoff-Karosserie soll 20 Prozent steifer sein als bisher und außerdem 25 Prozent leichter. In Kombination mit dem neu abgestimmten Fahrwerk summieren sich diese Maßnahmen zu einem außerordentlich exakten Fahrverhalten mit hohem Querbeschleunigungspotenzial.

Fahrerlebnis

Nicklas startet den Motor, der in amerikanischer V8-Manier zum Leben erwacht. Der erste Teil unserer Testfahrt führt uns durch die Stadt. Beim Anfahren an den Ampeln merken wir, dass das elektronische Sperrdifferenzial für eine so gute Traktion sorgt, dass die Corvette wie bei einem Katapultstart nach vorne prescht. Das dumpfe Bollern des V8 wird mit zunehmender Drehzahl zum aggressiven Hämmern.
Angekommen auf unserer Teststrecke prüfen wir das Versprechen, dass der Wagen nur vier Sekunden brauchen soll, um die 100-km/h-Marke zu knacken. John tritt das Gaspedal bis zum Metall durch, die acht Zylinder beginnen sofort wie wild zu arbeiten und den Kult-Sportwagen brutal nach vorne zu peitschen. Die G-Kräfte pressen uns in die Sitze, während John die Gänge wie besessen mit dem Schaltknüppelt durchschaltet. Nach gerade mal vier Sekunden wissen wir, dass die Techniker bei Corvette Wortgehalten haben.

Das verbesserte Handling merken wir auf der kurvigen Teststrecke sehr deutlich. Auch enge Kurven nimmt der US-Sportwagen souverän und zeigt eine geniale Querbeschleunigung. Als nächsten Punkt auf unserer Agenda haben wir den Hochgeschwindigkeitscheck. Auf der Autobahn reihen wir uns auf der linken Spur ein und lassen die Vette mal richtig durchziehen. Man fühlt sich als Fahrer während des Beschleunigens wirklich gut. Sie läuft sehr ruhig, und gibt einem trotz brummenden V8-Sounds das Gefühl, dass man mit ihr auch mit Geschwindigkeit 300 alles unter Kontrolle hat.

Kosten

Mit einem Listenpreis von 69.990 Euro ist die Corvette der unangefochtene Niedrigpreis-Sportwagen und hat damit gute Chancen sich gegen deutsche Konkurrenzmodelle wie den 911er durchzusetzen und zum Kassenschlager zu werden. Die Benzin-Einsparung durch das Abschalten der Zylinder im Modus „Eco“ lässt das Herz eines bewussten Corvette-Fahrers an der Zapfsäule höher schlagen. Die neueste Ausgabe des berühmten Smallblock-V8 kommt auf einen Normverbrauch von nur rund neun Litern. Und das ist ein Wort bei 6,2 Liter Hubraum und 450 PS. Einen beträchtlichen Anteil an der neuen Effizienz hat auch die Benzin-Direkteinspritzung, die erstmals bei einer Corvette an Bord ist.

Fazit

Was uns an diesem tollen Testtag so fasziniert hat ist, dass die Corvette C7 den Spagat zwischen alten Werten wie V8 und Handschaltung auf der einen Seite und zeitgemäßer Sparsamkeit durch Carbon, Alu und Direkteinspritzung auf der anderen Seite schafft. Das wirklich Unglaubliche an diesem Auto ist aber der Preis- so viel Vollblutsportwagen für so „kleines Geld“. Damit wird sich so manch ein Automobilbauer der Oberklasse schwertun.